Nachfolge Markt KMU Bayern Teil 1

Bericht: Nachfolgemarkt kleiner Unternehmen in Bayern (Schwerpunkt Handwerk)

 

  1. Nachfolgemarkt KMU Bayern – Teil 1
    Datenlage, Größenordnung und was das für Handwerk und kleine Betriebe bedeutet1) Marktüberblick Bayern: Wie groß ist die Übergabewelle wirklich?Der Nachfolgemarkt für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bis 50 Mitarbeitende steht in Bayern vor einer großen Welle an Betriebsübergaben.Das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie hat dazu eine Studie „Unternehmensnachfolge in Bayern | 2022–2026“ veröffentlicht. Dort wird u. a. folgende Größenordnung genannt:
    – insgesamt 630.341 Unternehmen in Bayern
    – davon rund 546.480 Familienunternehmen
    – im Zeitraum 2022 bis 2026 rund 142.400 Unternehmen „übergabereif“ (das heißt: die Inhaber planen überwiegend altersbedingt die Übergabe)
    – aber: wirtschaftlich „ausreichend attraktiv“ (als grober Mindestmaßstab wird ein nachhaltig erzielter Mindestgewinn von 50.000 Euro angesetzt) sind rund 36.500 Unternehmen
    – diese 36.500 Unternehmen beschäftigen zusammen rund 618.000 Mitarbeitende
    [1]Was heißt das in der Praxis?
    „Übergabereif“ bedeutet: Der Inhaber möchte (oder muss) abgeben.
    „Übernahmefähig“ bedeutet: Ein Nachfolger kann den Kaufpreis finanzieren und gleichzeitig investieren, Mitarbeitende halten und selbst gut davon leben.2) Nachfrageproblem: Warum passende Nachfolger knapp werdenDer Engpass wird nicht nur in Bayern, sondern bundesweit sichtbar. Im DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025 (DIHK = Deutscher Industrie- und Handelskammertag) wird berichtet, dass in den Beratungen der Industrie- und Handelskammern (IHK = Industrie- und Handelskammer) deutlich mehr Unternehmen eine Nachfolge suchen als Interessenten eine Übernahme anstreben. Für 2024 wird u. a. das Verhältnis genannt: rund 9.600 fortzuführende Unternehmen stehen rund 4.000 Übernahmeinteressierten gegenüber.
    [2]

    Aus der Praxis heraus (gerade bei Handwerk und Betrieben bis 50 Mitarbeitende) sind vier Ursachen besonders häufig:
    – Zu spätes Anfangen: Es wird erst gestartet, wenn Zeitdruck da ist (Gesundheit, private Themen, Auftragslage).
    – Der Betrieb hängt an einer Person: Kundenbeziehungen, Kalkulation, Organisation „laufen über den Chef“.
    – Preisvorstellung und Finanzierung passen nicht zusammen: Gefühlter Wert (Lebenswerk) trifft auf finanzierbaren Wert (Ertragskraft).
    – Komplexität schreckt ab: Verträge, Steuern, Übergabephase, Verantwortung, Risiko.

    3) Warum das Handwerk besonders betroffen ist

    Im Handwerk ist die Nachfolgefrage oft härter, weil ein Betrieb häufig stark an die Person des Inhabers gebunden ist (Meisterwissen, Kundenstamm, Baustellensteuerung, Kalkulation, Personalführung).

    Der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat im Rahmen einer Sonderumfrage und in einem Bericht zur Betriebsnachfolge u. a. darauf hingewiesen, dass bereits beinahe jeder vierte Betriebsinhaber im Handwerk über 60 Jahre alt ist und dass in den kommenden fünf Jahren bei bis zu 125.000 Handwerksbetrieben eine Übergabe anstehen dürfte.
    [3]

    Für Bayern hilft ein Blick auf die Struktur:
    Der Bayerische Handwerkstag nennt für 2023 rund 211.656 Handwerksbetriebe in Bayern (mit 954.400 tätigen Personen und 63.024 Auszubildenden).
    [4]

    4) Was macht einen Betrieb übernahmefähig? 7 Kriterien aus der Praxis

    Viele Inhaber unterschätzen: Nachfolger kaufen nicht nur Maschinen oder Kunden, sondern ein Gesamtpaket aus Verantwortung, Risiko und Zukunftschance. Übernahmefähige Betriebe erkennt man oft an diesen Punkten:

    1. Nachvollziehbare Erträge
    Nicht „perfekt“, aber plausibel: Welche Leistungen bringen welchen Gewinn?

    2. Saubere Unterlagen
    Aktuelle Auswertungen und Abschlüsse, Auftragsbestand, Kostenstruktur: verständlich, geordnet, erklärbar.

    3. Weniger Inhaber-Abhängigkeit
    Wenn Angebot, Einkauf, Reklamation, Projektsteuerung nur „im Kopf“ des Inhabers stecken, wird es schwer. Wenn Wissen und Abläufe im Betrieb verankert sind, wird es möglich.

    4. Team und Führungsstruktur
    Gibt es Vorarbeiter, Teamleitung, starke Büroorganisation? Je stabiler das Team, desto leichter die Übergabe.

    5. Kundenstruktur ohne Klumpenrisiko
    Wenn ein einzelner Kunde zu viel Umsatz ausmacht, ist das für Nachfolger ein Warnsignal.

    6. Technik und Investitionsbedarf sind kalkulierbar
    Nicht alles neu, aber gepflegt, passend zum Leistungsangebot, keine unklaren „Zeitbomben“.

    7. Ein nachvollziehbares Zukunftsbild
    Welche Leistungen werden ausgebaut, welche reduziert? Ein Nachfolger braucht eine Perspektive für die nächsten 3 bis 5 Jahre.

    5) Der häufigste Fehler: zu spät anfangen

    Viele Übergaben scheitern nicht am guten Willen, sondern am Zeitfaktor.

    Die IHK für München und Oberbayern empfiehlt, für eine Betriebsübergabe einen Zeitrahmen von bis zu 5 Jahren vorzusehen. Zusätzlich wird dort darauf hingewiesen, dass (steuer-)optimierende Maßnahmen bis zu 10 Jahre und mehr vor der geplanten Übergabe angegangen werden müssen.
    [5]

    Ein praxisnaher Merksatz:
    Nachfolge ist kein Termin. Nachfolge ist ein Prozess.

    6) Fazit und Ausblick

    Die Zahlen zeigen: In Bayern steht eine große Übergabewelle an. Gleichzeitig gibt es zu wenige passende Nachfolger für zu viele Übergabefälle.

    Die gute Nachricht: Wer frühzeitig startet und den Betrieb systematisch übernahmefähig macht, erhöht die Chance auf eine geordnete Übergabe deutlich. Und oft verbessert das nicht nur die Übergabefähigkeit, sondern auch den erzielbaren Preis.

    Weiterführend:
    Teil 2:  Nachfolge-Markt-KMU-Bayern-Teil-2
    Trendanalyse: Trendanalyse-im-Nachfolgemarkt-KMU

    Quellen

    [1] Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie:
    Unternehmensnachfolge in Bayern | 2022–2026 (Studie, PDF)
    https://www.stmwi.bayern.de/fileadmin/user_upload/stmwi/publikationen/pdf/2022-05-17_Studie_Unternehmensnachfolge_Bayern.pdf

    [2] Deutscher Industrie- und Handelskammertag:
    DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025 (PDF)
    https://www.dihk.de/resource/blob/134302/195174566635ef655907ea91b0ec327a/unternehmensentwicklung-dihk-report-unternehmensnachfolge-2025-data.pdf

    [3] Zentralverband des Deutschen Handwerks:
    Betriebsnachfolge im Handwerk – Bericht (PDF)
    https://www.zdh.de/fileadmin/Oeffentlich/Wirschaft_Energie_Umwelt/Themen/Umfragen/Sonderumfragen/Bericht_Betriebsnachfolge.pdf

    [4] Handwerkskammern in Bayern / Portal hwk-bayern.de:
    Das Handwerk in Zahlen (Stand: Zahlen für 2023)
    https://www.hwk-bayern.de/artikel/das-handwerk-in-zahlen-74%2C0%2C11563.html

    [5] IHK für München und Oberbayern:
    Unternehmensnachfolge planen (Zeitfenster bis zu 5 Jahre, steuerliche Maßnahmen bis zu 10 Jahre und mehr)
    https://www.ihk-muenchen.de/ratgeber/unternehmensfuehrung/unternehmensuebergabe-nachfolge/prozess/